Alle Emotionen, auch Wut, haben eine evolutionäre Funktion. Sie sind überlebenswichtig. Ein Leben ohne Emotionen funktioniert nicht. Es ist tödlich. Ich beginne gerne jedes Gespräch zu Emotionen und Gefühlen mit diesem Fakt. Denn er macht deutlich, dass wir auf keine unserer Emotionen verzichten können. Wir brauchen sie, wie die Luft zum Atmen. Emotionen sind feste Bestandteile unseres Seins und sie sind primär hilfreich. In meinem Beitrag zum Thema Angst findest Du weitere Infos dazu.

Eier mit aufgemalten Gesichtern zeigen Emotionen

Die fünf Grundemotionen

Es gibt verschiedene Definitionen – ich beschränke mich gerne auf die folgenden 5 Grundemotionen: Angst, Trauer, Ekel, Freude und eben Wut. Grundemotionen deshalb, weil sie für sich selbst stehende, beschreibbare, erlebbare Emotionen sind, die bestimmte Körperreaktionen, Gedankenmuster und Handlungsimpulse auslösen. Alle weiteren Emotionen sind Mischemotionen. Sie setzen sich aus den 5 Grundemotionen in unterschiedlicher Ausprägung zusammen. Beispielsweise besteht Scham aus einer Kombination von Angst (z.B. vor Ablehnung oder Verurteilung), Wut und Trauer (über die Ablehnung oder Verurteilung). Genuss ist ein Gefühl tiefer Freude in Bezug auf ein bestimmtes Element.

Dimensionalität von Gefühlen

Jede Emotion kann in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten, von schwach bis stark. So kann sich Wut auch als Irritation oder Ärger in schwächerer Form, oder auch als rasendes Toben zeigen. Wut ist eben nicht gleich Wut. Manches erzeugt gerade Mal eine hochgezogene Augenbraue, während anderes uns zur Weißglut bringt. Und was den Einen fuchsteufelswild macht, entlockt dem Anderen nur ein mildes Lächeln. Besonders interessant finde ich dazu diese Ausführung der TU Dresden – lies gerne mal rein.

Stigmatisierung der Wut

Wut hat leider einen negativen Ruf weg. Häufig assoziieren wir damit Aggression, Gewalt, Dominanz, Unterdrückung. Doch besinnen wir uns einmal auf die Urfunktion der Wut zurück: Alles was Dich selbst, Dein Ziel oder Deine Beziehungen (und damit auch nahestehende, geliebte Menschen) bedroht, löst Wut aus. Dies ist ein evolutionär enorm wichtiger Effekt, denn er führt dazu, dass Du diese Dinge verteidigen oder dafür kämpfen wirst und das bei weitem nicht nur in körperlich- oder tatsächlich lebensbedrohlichen Situationen, sondern auch dann, wenn moralische, emotionale oder persönliche Grenzen überschritten werden. Wut ist also das Gefühl, das überhaupt erst zu Abgrenzung führen kann. Dabei braucht sie keinerlei aggressive, gewalttätige Aspekte, sondern erscheint in ihrer reifen, beschützenden, erhaltenden Form. Oder willst Du dir vielleicht auf der Arbeit immer wieder die metaphorische Butter vom Brot nehmen lassen, wenn Dein Chef oder Kollege Deine Ergebnisse mal wieder als seine eigenen verkauft?

Mann zeigt Mittelfinger

Reife und Unreife Wut

Natürlich kennen wir alle auch von uns selbst ungesunde Wutanteile. Haltloses Brüllen, Herumschleudern von Gegenständen, Gezieltes Beleidigen und Verletzen oder auch Handgreiflichkeit. Du erkennst unreife, alte Wut daran, dass sie Dich unverhältnismäßig heftig im Vergleich zum auslösenden Ereignis überkommt. Dann gehen wir von 0 auf 100 in Rekordzeit. Die Körperreaktion ist sofort spürbar – Adrenalin und Cortisol machen Dich kampfbereit, Dein Herz pocht wild, die Muskeln spannen an, der Kiefer verhärtet sich, Dein Atem geht schnell und kurz. Alle Gedanken sind auf den bevorstehenden Kampf programmiert und darauf, wie wir dem Gegner am schnellsten den Garaus machen können. In solch einer Hochstresssituation ist Reflexion unmöglich. Das Reptiliengehirn – also der älteste, steinzeitlichste Teil unseres Gehirns – ist aktiv und somit unsere Urinstinkte. Schließlich folgt eine Impulsreaktion die dem Ärger sprichwörtlich Luft macht. Meistens spüren wir kurze Zeit später bereits die Scham und Schuld die aus dieser Handlung resultieren.

Nützliche, reife Wut erzeugt Selbstbewusstsein. Sie aktiviert Deine innere Kraft und Überzeugung. Lässt Dich frei Deine Grenzen artikulieren und sie konsequent abstecken. Dabei behältst Du den Blick für Dein Gegenüber. Du kannst weiterhin seinen Standpunkt erkennen und ihn als solchen annehmen, ohne ihn unterdrücken zu wollen oder als schlecht(er) zu bewerten. Reife Wut bündelt Deine Wahrnehmung auf Deine Bedürfnisse – sie ist also Bedürfnisorientiert. Nur wer seine eigenen Bedürfnisse kennt, kann auch danach handeln. Nur wer nach seinen eigenen Bedürfnissen handelt, ist zufrieden – und vor allem nicht zornig.

Wenn alte Programme ablaufen und wir wie fremdgesteuert agieren, kommt meist nichts Gutes dabei heraus. Eigentlich wollen wir gar nicht so reagieren, aber wir können nicht anders. Zumindest fühlt es sich so an. Es gibt viele Konzepte zur Regulation unverhältnismäßiger Emotionen und speziell von Wut. Natürlich ist es wichtig, dass wir mit Impulshandlungen weder uns noch andere gefährden und somit in der Lage sind, Hochstress zu erkennen und mit individuellen Methoden gegenzusteuern – Dich sprichwörtlich herunterzufahren.  Dies kann über körperliche Aktivität, Atemtechnik und viele weitere Methoden passieren, die Du zum Beispiel hier nachlesen kannst. Ich persönlich vertrete die Ansicht, dass es vor allem wichtig ist, den ursprünglichen Auslöser der Wut anzuerkennen und ihn todernst zu nehmen.

Gewitter und Blitze über dem Meer

Alten Zorn integrieren

Keine Wut, auch nicht alte, unreife, übersteigerte, existiert grundlos. Ja, sie kann sich völlig falsche Bahnen schlagen. In der Zeit aus der sie stammt, in der sie nicht ausagiert, gezeigt, gelebt werden konnte, hatte sie ihren Sinn. Das ewig während Prinzip dem alte Wut aus Kindertagen meist folgt, lautet wie folgt: Deine Grenzen wurden mindestens einmalig, eher regelmäßig von Bezugspersonen überschritten. Die Wut, die dadurch in Dir ausgelöst wurde, konntest Du nicht ausleben, aus Angst, dass sich Deine Bezugsperson von Dir abwendet, Dich im Stich lässt. (Stellen wir uns ein Vogelbaby vor, dass von der Mutter einfach im Nest zurück gelassen wird – es stirbt.) Du warst also gezwungen, Deine Wut aufgrund existenzieller Todesangst zu unterdrücken.

An dieser Stelle möchte ich unbedingt erwähnen, dass alle Kinder solche Erfahrungen machen. Dieses Erlebnis sagt nichts über die Fähigkeit oder Liebe der Eltern aus. In den meisten Fällen handeln Bezugspersonen sogar aus dem Wunsch heraus, Gutes zu bewirken. Dieses Prinzip ist auch nicht dazu gedacht, alte Wut heute auf diese Personen zurück zu übertragen. Es ist deshalb so unglaublich wichtig, weil es Dich daran erinnert, dass Du heute in Eigenverantwortung für Dich selbst genau das übernehmen solltest, was Deine Eltern versäumt haben. Nämliche Deine Gefühle zu validieren. Validierung ist für mich persönlich ein unglaublich starkes Wort. Sobald ich es auch nur denke, weiß ich instinktiv, dass mein inneres Kind gerade wütend, tosend oder auch todtraurig in den hintersten Winkeln meines Unterbewusstseins sitzt und immer noch darauf wartet, getröstet, gehalten und akzeptiert zu werden, so wie es ist. Validierung bedeutet, Emotionen ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Sogar dann wenn sie vielleicht unverhältnismäßig stark auftreten oder auf Basis einer erlernten Bewertung unangemessen erscheinen. Validieren bedeutet Wertschätzen, Ernstnehmen, Zulassen.

Validierung ist scheiße schwer. Ich sage das ganz direkt, weil es wichtig ist. Stell‘ Dir vor wie Du gerade Deinem Partner eine saftige verbale Ohrfeige verpasst hast, eben WEIL Du genau wusstest, dass Du damit einen wunden Punkt treffen kannst. Und stell‘ Dir vor wie Du dich danach zurück ziehst, Dein inneres Kind gedanklich umarmst und ihm sagst: Deine Wut ist okay. Aus gesellschaftlich, moralischer Sicht ist Selbstfürsorge in einem Moment offensichtlichen Fehlverhaltens ziemlich egoistisch. Eigentlich solltest Du dich bei deinem Partner entschuldigen. Dabei vergessen wir aber einen entscheidenden Punkt: Die Wut, die eine solche Impulsreaktion auslöst, verschwindet nicht dadurch, dass wir ihre Ungerechtigkeit zugeben. Sie wird sogar immer wieder und immer stärker aufkommen, je häufiger wir uns nur um die Gefühle des anderen kümmern, aber niemals um unsere eigenen. Somit wäre es egoistisch, Dir keine Zeit für Dich selbst zu nehmen, weil Du auch den Gegenüber dann immer wieder Deiner alten Wut aussetzen würdest.

Und das ist die Quintessenz: Kümmere Dich um Deine eigene, alte Wut. Beobachte sie, gib ihr Raum, validiere sie. Mache das immer wieder, jeden Tag. So wirst Du zum wertfreien Beobachter Deiner Wut. Du lernst, frühzeitig Alarmzeichen zu erkennen und Dich rechtzeitig zurück zu ziehen, bevor Du impulsiv reagierst. Und schließlich wird die alte Wut leiser. Ganz allmählich weniger drängend.

DAS ist für mich echte Emotionsbildung.

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