Die vier Krisenbewältigungstypen

Es existieren vier sogenannte Krisenbewältigungstypen, die sowohl empirisch als auch praktisch in der Psychotherapie ermittelt wurden: Schnelle Handler, Einsame Wölfe, Vernebelnde Differenzierer und Chronische Krisler. In Teil 1 dieser Serie, bestehend aus 4 Beiträgen, betrachten wir den Schnellen Handler, seine Eigenschaften – nützlich und kompensatorisch –  und mögliche Handlungs- und Verhaltensstrategien. Doch lass‘ uns zunächst kurz darüber besprechen, weshalb es überhaupt wichtig und notwendig sein kann, Dich selbst und ggf. sogar Mitmenschen bzgl. einer Krise zu kategorisieren. Ich bin kein Fan von Schubladen, ganz im Gegenteil. Und doch macht es an mancher Stelle Sinn, eine Zuordnung in bestimmte Muster vorzunehmen. Nicht als unverrückbare Vorgabe, sondern eher als Grundlage für Verhalten und Verhaltensänderung – wenn notwendig und gewünscht. Es hilft, uns selbst und unseren Gegenüber schneller einzuordnen, sein Handeln und Verhalten einschätzen und Aktion und Reaktion wirksam zu steuern. Unter Umständen überlagern wir mit bestimmten Mustern Emotionen, die belastend oder sogar bedrohlich auf uns wirken. Vielleicht entstehen Konflikte in einer Beziehungssituation, weil verschiedene Krisenbewältigungstypen aufeinanderprallen und Unverständnis oder Fehlinterpretation passiert. Jeder dieser vier Krisenbewätigungstypen hat besondere Fähigkeiten und Ressourcen die ihn auszeichnen und von den anderen unterscheiden. Oftmals nehmen wir unsere eigenen, wenn auch unbewussten Strategien, als die besten und wirksamsten wahr – die anderen erscheinen uns fremd und manchmal sogar sinnlos. Wir profitieren am meisten, wenn wir bereit sind, das Große Ganze zu sehen – aus Schwarz und Weiß bunt machen und die Ressourcen jedes Typs wahrnehmen können.

Jeder Mensch handelt in einer Krise anders – das  spüren wir aktuell wieder mehr denn je. Mit Krise kann vieles gemeint sein: Von einer akuten Bedrohung des Lebens durch Krieg oder Vergleichbares, bis hin zu persönlichen Schicksalen wie Krankheit, Trennung oder Tod. Ich möchte Dir zum Thema Krise einen Text von Hans Lieb empfehlen – lies Dich gerne mal durch. Das Stresserleben ist für jeden Menschen unterschiedlich, wirkt sich physiologisch und psychologisch jedoch immer ähnlich oder gleich aus – unabhängig vom Auslöser. Wir entwickeln auf Basis unterschiedlicher Bedingungen eine ganz eigene Strategie zur Krisenbewältigung: Abhängig vom Verhalten der Bezugspersonen, persönlichen Erfahrungen und Erleben der Wirksamkeit bestimmten Verhaltens, oder auch der Fähigkeit der Emotionsregulation und des Umgangs mit negativen Gefühlen. Für jeden einzelnen dieser Punkte könnte ich einen eigenen Beitrag schreiben – Du kannst gerne einmal in der Kategorie „Emotionen“ vorbeischauen. Dort findest Du einige Beiträge, die zu diesem Thema passen. Schauen wir uns also den ersten Krisenbewältigungstyp an…

Graffiti Man ruft Act now

Der Schnelle Handler in der Krise

Grundsätzliche orientieren sich Menschen in einer herausfordrenden Situation zunächst entweder an der Lage (also dem Status Quo) oder der möglichen Handlung (=Veränderung). In diesem Kontext kann der Schnelle Handler als handlungsorientiert bezeichnet werden: Nicht lange fackeln – eine Lösung muss her. Das ist die Devise des Schnellen Handlers. Sein Blick ist stets in die Zukunft gerichtet. Er fragt nicht nach dem Warum und Weshalb, sondern betrachtet ausschließlich mögliche Wege heraus aus der Krise. Das Innehalten und Wahrnehmen der Gefühle und für das Verstehen der Situation ist ihm lästig und entbehrt jeder Notwendigkeit. „Lösungsorientierung“ würde in den persönlichen Fähigkeiten seines Lebenslaufs vermutlich ganz oben stehen. Angst ist ihm fremd. Das liegt nicht daran, dass er keine Angst hätte, sondern dass er sich einfach nicht den Raum lässt, sie zu spüren. Die wichtigste Ressource dieses Krisenbewältigungstyps ist die Handlungsfähigkeit: So lange er sich beweisen kann, dass er weiterhin handlungsfähig ist, aktiv verändern kann, so lange ist alles gut.

Die Ängste des Schnellen Handlers

Was ihm wirklich Angst macht, ist dass Gefühl der Ohnmacht: Etwas nicht mehr beeinflussen zu können und es so hinnehmen zu müssen, wie es ist. Demnach könnte man sagen, dass dem Schnellen Handler die Fähigkeit der Akzeptanz fehlt, bzw. er es einfach nicht darauf ankommen lässt, sich in Akzeptanz und im Aushalten der Ungewissheit üben zu müssen. Wir alle wissen jedoch: Das ist im Leben nur bedingt möglich. Neben seiner Handlungsunfähigkeit fürchtet er außerdem das Gefühl der Abhängigkeit – sich auf jemand anderen verlassen zu müssen. Der schnelle Handler vertraut nur sich selbst und hat oft Gedanken wie „Wenn ich es nicht selbst mache, wird es ja doch nichts.“, „Alles muss ich selber machen.“ oder „Nur wenn ich es selbst mache, kann ich sicher sein, dass es richtig ist.“ Er bestätigt sich immer wieder selbst in diesem Erleben, indem er die Ergebnisse von anderen als unzureichend beurteilt und durch sein Handeln dann dass Ergebnis positiv korrigiert. Eine weitere Eigenschaft ist also sein Perfektionismus, der wiederum aus Angst resultiert.

Kurzum: Der schnelle Handler fürchtet Ohnmacht und Abhängigkeit. 

Vertrauen und Innehalten

Von Außen betrachtet wirkt der Schnelle Handler oft souverän und abgeklärt. So mancher bewundert ihn für seinen kühlen Kopf und seinen Blick für’s Wesentliche. Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Seine wichtigsten Ressourcen sind gleichzeitig auch Kompensation seiner oben beschriebenen Ängst. Er vermeidet es unterbewusst, sich handlungsunfähig oder abhängig zu fühlen. Das tut er, weil ihm bisher die Fähigkeit dazu fehlt, diese Gefühle auszuhalten. Dieses Innehalten kann von größter Bedeutung sein. Folgendes kann der Schnelle Handler dabei lernen:

  • Ich bin stark genug, um auch negative Gefühle aushalten zu können.
  • Ich kann wirklich bei mir selbst ankommen.
  • Ich bin Teil einer Gemeinschaft, weil ich anderen vertraue.
  • Ich kann wahrhaftige Beziehungen führen, in denen ich Gebe und auch Nehme.
  • Ich bin nicht allein.

Um Vertrauen zu lernen, ist es für den Schnellen Handler wichtig in etwas zu vertrauen, das die eigenen Handlungskompetenzen übersteigt – etwas Größeres. Das kann zum Beispiel eine andere Person, ein Vorbild sein. Eine persönliche Eigenschaft, die nichts mit den Handlungskompetenzen zu tun hat, wie zum Beispiel Liebenswürdigkeit. Auch eine spirituelle Ebene kann die Vertrauensbildung unterstützen. Der Glaube an Gott oder eine andere Energie vielleicht. Im Yoga ist es das Verständnis über das „Höhere Selbst“ – dem inneren Kern eines jeden Menschen der eine ganz bestimme Aufgabe verfolgt und der gleichzeitig aus ein einzigen Grundquelle stammt, sodass alles miteinander verbunden ist.

Handlungsalternativen

Wenn Du einem Schnellen Handler in der Krise begegnest oder vielleicht selbst einer bist, dann kannst Du folgendes tun: Wenn Du das Gefühl hast, dass Du genau jetzt eine Entscheidung treffen oder handeln musst, dann halte inne. Atme ganz bewusst tief ein und aus (auch als Gegenüber sehr wirksam). Lasse den drängenden Moment einmal vorbei ziehen und erlaube Dir zu betrachten, wie es sich anfühlt, wenn Du nicht gleich handelst. Ist Deine Befürchtung wirklich eingetroffen, oder ist es vielleicht nur halb so schlimm? – Generell kann die Frage: Was ist das schlimmste was passieren kann, wenn Du es nicht selbst / nicht jetzt sofort machst? eine sehr hilfreiche sein, um dem Schnellen Handler sein Muster bewusst zu machen. Es kann Sinn machen, sich bestimmte Zeiträume einzurichten, in denen gar keine Entscheidungen getroffen werden – nicht einmal darüber, was Du heute Abend essen wirst. Ein Zeitraum des Innehaltens also. Der Schnelle Handler kann lernen und erkennen, dass auch das Nicht-Handeln eigentlich Handeln ist. Denn es ist Lernen: Auszuhalten, zu vertrauen und anderen die Chance auf Untersützung zu lassen (eine der wichtigsten Grundlagen erfüllter Beziehungen). Das Schnelle Handeln als Kompensation der Angst vor Kontrollverlust basiert meist auf einer mehr oder weniger traumatischen Erfahrung. Hier ist es unglaublich wichtig, diese Angst ernst zu nehmen und ihre Berechtigung auf Basis des Auslösers anzuerkennen. Erst im zweiten Schritt kann der Betroffene korrektive Erfahrungen machen und auch zulassen. Mehr zum Thema der „Validierung“ liest Du im Beitrag Wut – Die kraftvolle Emotion.

Nichtsdestotrotz sind die Fähigkeiten des Schnellen Handlers unglaublich wichtig. Seine Lösungsorientierung und Zielstrebigkeit sind in so mancher Situation wichtig und sogar entscheidend. Wichtig ist, dass er sie authentisch und ohne kompensatorische Motivation einzusetzen weiß.

Hand aus Holz stuetzt einen Baum

Im zweiten Beitrag dieser Serie wird es um den Vernebelnden Differenzierer oder kurz Nebler gehen. Er selbst und Menschen die mit ihm im Gespräch sind, wissen am Ende oft nicht mehr, worum es anfangs eigentlich ging…

Ich freue mich sehr darüber, wenn Du deine eigenen Erfahrungen in den Kommentaren teilst. Vielleicht bist Du selbst ein Schneller Handler (so wie ich), oder hast Erfahrungen mit Menschen in Deinem Umfeld. Du bereicherst uns sehr, wenn Du darüber berichtest. 

Schau Dir auch mein YouTube Video zu diesem Thema an:

Schön, dass Du hier bist =)

Du möchtest als Erste*r Neuigkeiten zu meinen Leistungen, Terminen und Events und exklusive Impulse erhalten? Super gerne! Lass' einfach Deine Email-Adresse hier und ich pack' Dich in meinen Verteiler. 

 

Namasté Du Wunder,

Anja

Deine Anmeldung war erfolgreich =)